Vielen lieben Dank an Peter Herwig, der dieses Interview geführt hat sowie auch herzlichen Dank an Judith Sachs für die Fotos!

Ausnahmegitarrist und Dobro-Spieler zu Besuch in Konstanz

 

Rick Harris (USA) gilt als einer der weltbesten Dobro-Spieler der Country-Szene, war in den USA mit vielen bekannten Musikern als Gitarrist auf Tour und schaute nun zwischen zwei Auftritten auf dem Weg in die Schweiz bei Peter Herwig in Konstanz vorbei. Seine «Vocal Driven Americana Music»

 

Peter Herwig:
Hallo Rick, schön, dass du bei uns zwischen der Terminen vorbeischaust.
Ich habe dich nun bei Konzerten in verschiedenen Besetzungen gehört. Du scheinst unbändigen Spaß zu haben, wenn du Dobro spielst?

Rick Harris:
Frets, die Bünde auf einer Gitarre, sind hier mein Schlüsselwort. Auf der Gitarre musst du nur in den Bereichen zwischen den Frets bleiben und der Akkord ist in Ordnung. Eine Gitarre kann bis zu 20 Frets haben und Du hast 5 Finger für diese vielen Noten dazwischen. Die Dobro hat nur einen Bund – den Slide (oder Bar) – mehr nicht. Jedes Mal, wenn du eine einzelne Note spielst, also nur eine Saite berührst, oder alle 6 Saiten, stimmst du die Note oder den Akkord neu. Du hast bildlich gesprochen weniger als einen Gedanken Zeit, zu der Note zu kommen – und dann eilst du zur nächsten und so weiter! Und ich habe es da noch etwas schwerer, da ich zur Dobro ja auch noch singe.
Wenn ich singe, muss ich gleichzeitig die Tonhöhe auf der Dobro und die Phrasierung treffen und parallel die Melodie des Liedes – und diese Töne sind selten dieselben. Es ist ein bisschen wie das Jonglieren mit Messern während du auf einer Cola-Büchse stehst… und die Leute warten nur darauf, dass du fällst – nein, kein Druck!
Die Reaktionen auf den Klang und Sound der Dobro kannst du in etwa mit der Beschleunigung bei einem NASCAR-Rennen (Autorennen in den USA) vergleichen, wo du auf über 200 Meilen beschleunigst und eigentlich die Zuschauer darauf warten, dass du rausfliegst.
So ähnlich ist es bei der Dobro. Spielst du sie nicht perfekt, ist es wie bei der Titanic – die ganze Band geht mit dir unter. So denke ich darüber.

 

Peter Herwig:
Viele Jahre stand die E-Gitarre im Vordergrund, als du mit großen Namen zusammen aufgetreten bist, wie Carl Perkins, Hank Williams Jr., Jerry Lee Lewis, Bill Anderson oder Barbara Mandrell. Wie kam das?

Rick Harris:
Nachdem ich damals CCR (Creedence Clearwater Revival) gehört hatte, hatte ich das Gefühl, auch die Gitarre an den Verstärker anschließen zu müssen und loszulegen. Und dann 1987 habe ich komplett mit der Musik aufgehört bis ich 2004 eine alte Dobro kaufte! Ich selber besass bis September 2013 auch nie eine eigene Akustik-Gitarre. Aber jetzt bin ich sogar besser im Rennen als je zuvor. Soll heißen, mit der akustischen Gitarre geht es mir viel besser als jemals mit der E-Gitarre. Damals waren es die Hot Rods, die Mädchen, die Beach Boys und so weiter. Rückblickend: ja, es hat Spaß gemacht. Aber heute habe ich meinen Chevy Van, lese ab und zu die Fachzeitschriften «Wie mache ich was...», höre die Musik von Lyle Lovett – von ihm musst du dir unbedingt eine CD besorgen, Peter! – und geniesse ein eiskaltes «Dr Pepper».


Peter Herwig:
Die meisten Musiker, die ich im Laufe der letzten 40 Jahre kennengelernt habe, hatten irgendein Schlüsselerlebnis, warum sie Musik gemacht haben. Erinnerst du dich, was es bei dir war? Eine LP, ein Song im Radio oder ein Konzert? Wer hat dich am meisten inspiriert?

Rick Harris:
Reden wir vielleicht besser über Einflüsse in meinem Leben in Alabama, wo ich aufgewachsen bin.

Meine Mutter und mein Vater waren immer meine besten Freunde und werden es auch bleiben. Mein Vater war mein Held. Er konnte nur drei Akkorde auf seiner alten Gitarre – G, C und D. Ich habe bei ihm gesessen und zugehört. Meine eigentlichen musikalischen Wurzeln kommen aber von der Familie meiner Mutter. Zwei von ihren Brüdern spielten in einer «Jug Band»(Old Time Music). Ich habe ein Foto von ihnen und der Band: sie sitzen auf einem Oldtimer aus der Mitte der 20ger Jahre – «The West Virginia Wild Cats». Mein Onkel Ray war meine eigentliche Inspiration in meiner musikalischen Jugend.

Später, es war November 1970, waren wir einmal auf der Rückfahrt von einem Familien-Jagdausflug mit meinen älteren Bruder. Wir fuhren in einem 1970er «396 Chevelle Muscel Car», da hörte ich die Ankündigung des Radiosprechers von AM Radioerstmals auf seiner Radiostation. «Creedence Clearwater Revival» mit dem Song „Looking Out My Backdoor“. Und Mann, ich war damals 13 Jahre alt und völlig hingerissen. Und das war es dann. Ich habe die Gitarre eingestöpselt und den Verstärker eingeschaltet. Elektrisch -– das ist es! Ich wusste damals, dass ich Power brauchte, um gehört zu werden! So war das.
Später wurde ich musikalisch beeinflusst von Bands wie „The Atlanta Rhythm Section“, Lynyrd Skynyrd, Marshall Tucker Band, Charlie Daniels Band und so weiter.
Von dort stammen meine Riffs, meine Art zu spielen. Mein Gesang ist etwas mehr beeinflusst von James Taylor, Lyle Lovett.

Peter Herwig: 
Und dein heutiger Einfluss, wer ist das?

Rick Harris: 
Ich war fast 18 Jahre komplett aus der aktiven Musik draußen. Während dieser Zeit gab es kaum oder gar keinen Einfluss und somit auch keine Verbindung zu den Einflüssen von heute. In diesen 18 Jahren habe ich viel an musikalischer Entwicklung verpasst. Ich war Unternehmer und habe viel mit meinem Vater zusammen gemacht. In dieser Zeit habe ich nicht viel darauf gegeben, hatte keine Zeit für Gedanken an Musik. Es ging erst wieder los, als ich 2004 eine alte Dobro erwarb. 2013 habe ich meine erste eigene akustische Gitarre gekauft, eine Furch, bei Sessions Music in Frankfurt. Und dann ging es noch einmal richtig los. Und jetzt ist meine Musik und das was ich mache, besser als je zuvor. Ich bin in einer großen Lernkurve und kurz vor der Explosion (lacht).


Peter Herwig: 
Das heißt, du hast auf deiner ersten Rick Harris CD von 2012 «This Is The Beginning» auf einer geliehenen Gitarre gespielt? Das ist irgendwie lustig…

Rick Haris: 
Ja, so ist es.


Peter Herwig: 
Seit dem du in Europa bist, hat es da ein besonderes Konzert oder eine Veranstaltung gegeben, die dich besonders berührt hat oder besonders intensiv war?

Rick Harris: 
Früher in den USA spielte ich viele Konzerte und Auftritte mit meinem Bruder, der ein hervorragender Drummer war. Ich habe mit den damaligen Top Country-Leuten der Szene gespielt, wobei ich sagen muss, dass Carl Perkins (Gitarrist u.a. von Johnny Cash) mein Lieblingskünstler war, mit dem ich gespielt habe. Er war ein wirklicher Südstaaten-Gentleman.
Hier in Europa gab es einige Auftritte – solo und mit meiner Band – die außergewöhnlich waren. Der, der mir am meisten bedeutet hat, war als ich am Sterbebett einer alten Dame ein Liebeslied von Merle Haggard gesungen und gespielt habe. Die Dame lag im Koma. Sie hatte vorher auf nichts reagiert. Dann begann sie die Beine zu bewegen, dann drehte sie den Kopf von einer Seite auf die andere und gegen Ende kullerte eine Träne über ihr Gesicht. Was kannst du mehr machen in den Stunden bevor jemand stirbt?


Peter Herwig: 
So zu Beginn des Jahres nimmt man sich ja einiges vor. Was sind Deine Pläne und Projekte 2015?

Rick Harris: 
Ich wäre gerne der erste Mensch der Dobro auf dem Mond spielt. Ich habe alles dafür, mir fehlt nur das Ticket. Spaß beiseite… ich würde gerne auch hier in Europa wieder vor größerem Publikum spielen – solo und mit der Band. Auch auf privaten und größeren Firmenveranstaltungen habe ich gespielt und das war zum Teil echt klasse.
Ich bin zum Maverick Americana Music Festival im Juli in England eingeladen. Das ist eine Anerkennung meiner Arbeit. Ich bin gebeten worden, solo aufzutreten und anschließend einen Workshop zu leiten. Überhaupt werde ich in Europa zukünftig mehrere Dobro-Workshops anbieten. Es gibt ja auch verschiedene Festivals in Deutschland und in Europa. Auch da würde ich zukünftig Dobro-Workshops anbieten, das könnte sich etablieren. Ich habe über 8 Jahre Workshops für Dobro auch für sehr fortgeschrittene Spieler gehalten. Es ist eine Passion für mich und eine Möglichkeit, das Instrument weiter in Europa zu etablieren.


Peter Herwig: 
Du hast ja 2012 deine erste Solo-CD in England mit tollen Musikern aufgenommen. Was sind deine Pläne diesbezüglich?

Rick Harris: 
Wenn ich die Möglichkeit und die Chance auf eine zweite CD hätte, würde ich diese mit eigenen Songs gestalten. Es werden Songs von meinen Wurzeln in den Südstaaten sein, Geschichten, die u. a. einen Einblick in das Leben eines «Southern Man» geben. Es werden die besten Musiker aus Nashville dabei sein und ich habe die Hoffnung, dass meine Söhne eines Tages auf mich stolz sein werden, auch wenn ich dann schon lange gegangen sein werde.
Ich bin dankbar für die Resonanz, die ich hier in Europa für meine Musik bekommen habe. Und ich freue mich darauf, in Zukunft hier in Europa noch mehr Menschen zu treffen, die Musik und vor allem auch Dobro lieben aber vielleicht auch meine eigene Musik.


Peter Herwig: 
Rick, vielen Dank für das Interview, das war sehr offen und sehr persönlich, fand ich. Ich habe mich sehr gefreut, dich hier zu haben, und auch vielen Dank für das Lied, was du vorhin sozusagen exklusiv gespielt hast, es hat mich sehr berührt.
Good luck for your «Vocal driven Amercana Music»!

Rick Harris: 
Dir auch vielen Dank und hoffentlich bis bald.


(aus dem Englischen übersetzt von Peter Herwig)